Macht ist nicht gleich Macht

Gibt man bei Google den Begriff Macht ein, werden zwei verschiedene Erläuterungen angezeigt:

 

"die Möglichkeit oder Fähigkeit, dass jemand etwas beeinflussen oder bewirken kann"

 

"die Gewalt, die jemand auf Grund seiner Position oder seines Amtes hat, so dass er über andere bestimmen kann".

 

Interessanter weise, wird mit diesen zwei Erklärungen wunderbar die Gegensätzlichkeit 

des Machtverständnisses zusammen gefasst. Macht ist eben nicht gleich Macht.

 

Wie unterscheide ich die Machtstrukturen und was verstehe ich unter wahrhaftiger Macht?

 

Hierarchische Strukturen finden sich überall, sei es in der Natur oder in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft und des sozialen Lebens, offensichtlich oder verdeckt.

Im BDSM spielen wir mit diesen Machtstrukturen und können all das erleben und wieder abspielen, was wir in irgend einer Form schon mal an Macht oder Ohnmacht erlebt haben oder schon immer erleben wollten. Dabei kann es genau so wie im wahren Leben zu pathologischen oder gesunden Machtgefällen kommen. 

 

Macht kann auf Grund einer eingenommenen Position künstlich erlangst werden, auch wenn man nicht die natürlichen Fähigkeiten dafür aufweist.

 

Andererseits kann eine Person über diese natürliche Fähigkeiten verfügen, ohne dass derjenige oder diejenige über bestimmte Ämter oder Titel verfügen muss, um mächtig und einflussreich zu sein. 

 

Künstliche Macht wird erlangt, indem man sie anderen wegnimmt.

Natürliche Macht wird einem freiwillig gewährt. Basierend auf Vertrauen in die Fähigkeiten der Person.

 

Da es aber nie nur schwarz oder weiß gibt, sondern viele Nuancen dazwischen, vermischen sich auch hier die Unterscheidungen. Nicht unerwähnt möchte ich die Manipulationen oder Intrigen lassen, in denen ein Gefühl von Freiwilligkeit und Vertrauen erzeugt wird, es sich aber nicht darum handelt. Das kann im BDSM Kontext geschehen, in dem die Position des Sklaven ausgenutzt wird, oder in der Kindererziehung durch Irritation durch Lob und Strafen, oder auf ganz großem Fuß in der Politik. 

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang das Phänomen des ´ Topping from the Bottom´, dem Wunschzettel- Sub und der ´dominanten´ Wunscherfüllerin, indem sich die Machtverhältnisse komplett ins gegensätzliche verdrehen, auch wenn beide oder einer es vielleicht gar nicht bemerkt.

 

Wie kann man heraus finden, ob es sich um gesunde oder pathologische Machtverhältnisse handelt?

 

Wenn man hinterfragt, was die Motivation für die Machtausübung ist.

Sollen Unsicherheiten kompensiert werden? Der Selbstwert gepusht werden? Oder will man sich auf den spannenden Machtaustausch einlassen, indem jeder gleichermaßen gibt und bekommt? 

 

Wenn man beobachtet, wie es sich auf die beteiligten Personen auswirkt. 

 

In diesem Zusammenhang möchte ich Ken Wilber aus seinem Werk Eros Kosmos Logos zitieren. Er betrachtet die Dinge sowohl im Großen als auch im Kleinen. Machtstrukturen auf Zellenebene im Organismus, in Gesellschaften oder auf persönlicher Ebene. Die Prinzipien sind allerdings erstaunlich ähnlich.

 

" Das Vorhandensein pathologischer Hierarchien darf nicht zu dem Trugschluss verleiten, dass Hierarchien grundsätzlich böse sind. Man muss hier genau unterscheiden, und das ist im allgemeinen auch gar nicht so schwer. (Anschließend zitiert er Riane Eisler ): 

Eine wichtige Unterscheidung ist zwischen Herrschafts- und Verwirklichungshierarchien zu treffen. Der Ausdruck Herrschaftshierarchien bezeichnet Hierarchien, die sich auf Gewalt, beziehungsweise offen oder verdeckt angedrohte Gewalt gründen. Solche Hierarchien unterscheiden sich grundsätzlich von denen, die man beim Fortschreiten von niederen zu höheren Funktionsniveaus antrifft, bei Lebewesen beispielsweise in der Entwicklung von Zellen zu Organen. Hierarchien dieses Typs könnte man als Verwirklichungshierarchien bezeichnen, weil sie die Funktion haben, das Potenzial des Organismus zu vergrößern. Auf Gewalt oder Gewaltandrohung basierende menschliche Hierarchien dagegen hemmen nicht nur die persönliche Kreativität, sondern erzeugen auch ein soziales System, das die niedrigsten menschlichen Eigenschaften verstärkt und das höhere Streben ( etwa Züge wie Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, Gerechtigkeitsliebe) systematisch unterdrückt. "

 

Ich denke, gerade im BDSM Kontext mag es dem ein oder anderen zuerst etwas irritierend erscheinen, denn Themen wie Unterdrückung, Gewalt und Herrschaft sind ganz große Schlagwörter. Solange es jedoch Einvernehmlich ist und den persönlichen Bedürfnissen entspricht, der individuellen Entfaltung dient, bereichernd und stärkend ist, kann nicht von Pathologie die Rede sein. 

 

Es bedarf aber ganz viel Vertrauen, denn gewollte Ohnmacht kann schnell in ein Tief kippen, wenn nicht fürsorglich damit umgegangen wird. Und Macht kann schnell missbraucht werden, wenn sie in die falschen Hände gerät. 

 

Beispiele für positive Machtstrukturen außerhalb des BDSM findet man zum Beispiel in ganzheitlich geführten Unternehmen, die zwar klar strukturiert und organisiert sind, jedoch das Wohl und Potenzial jedes einzelnen Mitarbeiters und die Interessen des Unternehmens miteinander verbinden. Oder in der Kindererziehung, wenn klare Grenzen gesetzt werden ohne das Kind in der natürlichen Entwicklung einzuschränken. Wenn Eltern es schaffen ohne  dem Einsatz von Liebesentzug oder Belohnungen autoritär, aber liebevoll zu führen. 

 

Das besondere am BDSM ist aber, dass noch eine viel größere Palette an Möglichkeiten zur Verfügung steht, als wir es im Alltag als ´gesund´ bezeichnen würden.

Sofern es einvernehmlich und gewollt ist, die Macht hintenrum nicht ausgenutzt wird, sind den Szenarien keine Grenzen gesetzt. Dann können sowohl gesunde als auch im Alltag pathologisch geltende Machtstrukturen auf eine neue Ebene gehoben und im sicheren Rahmen erlebt, nachgespielt und neu geschrieben werden. Von der sanften Verehrung und Führung bis zum totalen Kontrollverlust und der tiefsten Erniedrigung.

 

Ist der sichere Rahmen abgesteckt, ist das Vertrauen geschaffen, steht den gewagten Spaziergängen am ultimativen Limit des jemals denkbaren nichts mehr im Wege. Es ist eben die Spielwiese der Erwachsenen. Dort ist fast alles möglich. 

 

 

 

 

 

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